Unter den Eichen im Jenischpark…

Was ist es, das mich immer wieder hinzieht an diesen Ort? Es ist schwer zu beschreiben. An manchen Tagen, gerade nachdem ich aus Hamburg weggezogen war und ich nicht mehr einfach so die S-Bahn nach Klein Flottbek nehmen konnte, hab ich mir das schon das eine oder andere Mal überlegt. Mich gefragt, ob es sich dieses Jahr denn wirklich wieder lohnt, extra für das Himmelfahrtswochenende nach Hamburg zu fahren, um dann meine Zeit dort eben nicht (oder nicht nur) mit meiner Familie zu verbringen oder am Hafen, an der Alster oder im Stadtpark, sondern bei den Pferden. Und jedes Mal, wenn ich dann dort bin, wenn ich wieder das weiße Eingangsportal sehe, hinter dem sich das Grün des Derbyplatzes abzeichnet, wenn ich die Stimme des Platzsprechers höre, die so vertrauten Gerüche wahrnehme, wenn ich unter den Schatten spendenden Eichen vom Abreiteplatz zum Zuschauerwall gehe, diese einzigartige Atmosphäre einsauge, dann weiß ich wieder, warum es sich lohnt. Jedes Jahr. Immer wieder.

Vor 96 Jahren wurde das Deutsche Spring Derby erstmals auf dem Platz in Klein Flottbek ausgetragen. 1230 Meter lang ist der Parcours, 17 Hindernisse mit 26 Sprüngen sind zu überwinden. Das war schon immer so, denn der Kurs ist seit 1920 unverändert, von ein paar Anpassungen bei der Höhe und Beschaffenheit der einzelnen Hindernisse abgesehen. Unvergessen sind mir die Parcoursbeschreibungen des großen Hans-Heinrich Isenbart, der nicht nur über den mächtigen Wall und Pulvermanns Grab, sondern auch über weniger beachtete Hindernisse, im Grunde über jedes einzelne, wunderbare Anekdoten zu erzählen wusste. Etwa über die “Buchwald’sche Schaukel” (= die Palisade, Hindernis Nr. 5) oder “Tüdjes Tanzsalon” (= das Tor, Hindernis Nr. 9). Natürlich auch über Hans Günter Winkler und seine Wunderstute Halla, über Fritz Thiedemann und seinen “Dicken” Meteor, Nelson Pessoa, der sieben Mal gewinnen konnte oder über Marion Mould und ihr nur 1,45m großes Pony Stroller.

Seit nunmehr 16 Jahren komme ich jedes Jahr zum Derby. Viele Geschichten sind in der Zeit dazu gekommen, auch wenn Hans-Heinrich Isenbart leider nicht mehr bei uns ist, um sie zu erzählen.

Eine dieser “Geschichten” hab ich in den letzten anderthalb Jahrzehnten ein Stück weit miterleben dürfen. Sie ist ohne Zweifel auch einer der Gründe, warum ich immer wieder nach Flottbek komme. Und ihr Name ist Janne…

Mit 21 Jahren nahm sie 2002 zum ersten Mal den “schwersten Springparcours der Welt” in Angriff. Auf einem sagenhaft großen und gutmütigen Schimmelwallach mit Namen Callistro. Seiner etwas platten Nase hatte er den Spitznamen “Max” zu verdanken. Er stammte aus der Holsteiner Zucht. “Die Reiterin auch”, ergänzte der Platzsprecher damals, vielleicht ein wenig despektierlich. Ein beachtlicher Platz 6 blieb am Ende für beide stehen und von da an ging es steil bergauf bis zum Großen Preis von Aachen sowie WM- und EM-Gold mit der Deutschen Equipe, jeweils mit Lambrasco (Spitzname “Mops”) und im letzten Jahr zum Gesamtsieg in der Riders Tour. Rückschläge blieben nicht aus und bei einem von ihnen, einem schweren Sturz an der weißen Planke nach dem Wall in Flottbek, stand ich keine zehn Meter von ihr entfernt…

Aber Janne Friederike Meyer stand immer wieder auf, blickte nach vorn, auf das nächste große Ziel. Und heute heißt ihr nächstes großes Ziel: Rio 2016. Beim CHIO in Aachen wird im Juli der Olympiakader endgültig zusammengestellt und Janne will mit ihrem Goja dazu gehören. In Hamburg lief es bei den beiden noch nicht so rund, Goja hatte im Winter eine Verletzung auszukurieren. Doch mit Cellagon Anna, einer noch immer erst neunjährigen Stute, gelang ihr, wie schon im Vorjahr, der vierte Platz im Derby.

Alle drei, Anna, Goja (auch gerade erst zehnjährig) und Janne haben noch viel vor. Miterleben zu dürfen, wie diese großartige Reiterin ihre Geschichte weiterschreibt, ist für mich ein außerordentliches Geschenk. Und immer wieder hör ich dann im Unterbewusstsein diesen einen Satz, mit dem Hans-Heinrich Isenbart eine jede seiner Reportagen beschloss. Ein Satz, der zu Herzen geht, der so grundehrlich gemeint ist, so oft, gerade im Spitzensport, vernachlässigt wird und der so unendlich gut zu Janne Friederike Meyer und ihrer ganz eigenen Art, diesen Sport auszuüben, passt:

“Und vergessen Sie mir die Pferde nicht…”

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