Derby-Sonntag

Es ist an der Zeit, dass die zweckfreie Liebe zum Pferd, als einem Geschöpf Gottes, die Oberhand gewinnt.

Fritz Thiedemann

Ich kann es nicht leugnen: zum Galopprennsport habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis. Auf der einen Seite weiß ich um die Schattenseiten dieses Sports. Ich weiß, dass hier Pferde als Rennmaschinen gezüchtet werden, kann nur ahnen, mit welchen Methoden sie zu Höchstleistungen getrieben werden. Ich habe selber auf der Rennbahn schon grausame Momente erlebt, als ein Jockey entweder nicht erkannt hatte oder bewusst ignorierte, dass sein Pferd lahmte und es immer noch anzutreiben versuchte. All das unter den gellenden Pfiffen und wütenden Buh-Rufen des ausnahmslos entsetzten Publikums. Ich habe auch die Bilder gesehen, spektakuläre aber zum Teil auch grauenvolle Bilder, vom legendären und brandgefährlichen Grand National aus Aintree.

Und dann ist da die andere Seite, die Ästhetik dieses Sports, die Atmosphäre auf der Rennbahn, sicher auch die große Tradition. Das Deutsche Derby wurde diesen Sonntag schon zum 147. Mal ausgetragen. Es ist schwer zu beschreiben und wer nie auf einer Rennbahn war, wird es nicht nachvollziehen können. Wer es aber kennt und die Pferde nicht liebt (ist das überhaupt möglich?), wird nicht nachvollziehen, warum ich dennoch zweifle.

Es ist vielleicht diese Ambivalenz, die dazu führt, dass ich Charaktere wie King of Boxmeer so mag. Der King war ein Rennpferd, das seinen eigenen Kopf hatte. Eine Qualität, die in seinem Metier selten ist, weil sie dort leider eben nicht als Qualität gilt. An guten Tagen konnte er das gesamte Feld in Grund und Boden laufen, an schlechten wurde er Letzter. Das lag nicht an schwankender körperlicher Fitness oder “mentaler Stärke”. Er hatte manchmal einfach keine Lust, fand das Leben auf einmal viel zu schön und alles um ihn herum einfach unfassbar spannend, so dass er keinesfalls daran vorbei galoppieren konnte. Und so blieb er dann einfach stehen.
Ich fand ihn großartig. So großartig, dass ich nicht trotz sondern gerade wegen dieser Sperenzien ein paar Euro auf ihn setzte. Die Quoten waren auch gar nicht mal so schlecht.
Es kam, wie es kommen musste. Das Rennen war vielleicht zehn Sekunden alt, da stockte der Rennbahnsprecher, der sonst die Rennen praktisch ohne Unterbrechung kommentierte und zählte die Pferde durch. Eins fehlte. Er griff zum Fernglas und verkündete dann resignierend: “Es ist King of Boxmeer…”
Keine zehn Meter war der King aus der Box gelaufen, da blieb er stehen, weil er anscheinend unglaublich hübsche Gänseblümchen neben der Rennstrecke erspäht hatte… Von der Zeit nach seiner aktiven Karriere, die dann doch relativ bald anbrach, hab ich nur Gutes gehört, wobei er wohl kein ganz großer Vererber geworden ist. Insofern habe ich die Hoffnung, dass er nun eine große Wiese hat, auf der er nach Herzenslust laufen und die wunderschönen kleinen Dinge des Lebens um ihn herum entdecken kann. Ein Schicksal, dass eigentlich alle Rennpferde verdient hätten. Vielleicht sollten sie so werden wie King of Boxmeer und sicher sollten endlich auch alle Menschen sie als Tiere, als Mitgeschöpfe und, längst nicht nur beim Galopprennen, als Partner im Sport ansehen und nicht länger als Sportgeräte.

Nach langen Jahren war ich nun doch wieder einmal auf der Rennbahn und es war wieder da, dieses ambivalente Gefühl. Es war ein schöner Tag mit netten Menschen um mich herum, spannenden Rennen, erfolgreichen Wetten. Doch da war auch wieder diese andere Seite.
Vor dem Eingang standen einige junge Helferinnen und Helfer des Hamburger Tierschutzvereins, die eine bessere Behandlung der Pferde anmahnten und vor den immensen Gefahren dieses Sports warnten. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass nirgendwo die Forderung nach der Abschaffung der Rennen zu lesen war. Die Botschaft war eine andere: wenn die Besucher auf die Rennbahn wollen, ist das ihre Sache, aber sie sollten dies mit klarem Verstand und umfassend informiert und aufgeklärt tun. Die weiteren Gedanken überließ man den Besuchern. Gerade diese “Zurückhaltung” im Auftreten beeindruckte und die Gedanken kamen, wurden stärker, auch die Bedenken.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Rennveranstalter und alle Beteiligten in den letzten Jahren enorme Anstrengungen unternommen haben. Die Situation für die allermeisten Pferde hat sich massiv verbessert. Nur als Beispiel seien die Vorschriften zum “Übermäßigen Gebrauch der Peitsche” genannt. Auch der Jockey des diesjährigen Derbysiegers musste bereits deswegen drei Viertel seines Gewinns als Strafe zurückzahlen.
Doch reicht das alles? Reichen diese Regelungen aus? Werden sie überhaupt weitgehend beachtet und was passiert mit den “Schwarzen Schafen”, den Tierquälern, die es hier, aber auch im Dressur- oder Springsport gibt? Kann man diesen Sport, der seinen Hauptdarstellern im Training und Wettkampf so viel abverlangt, überhaupt wirklich “tierfreundlich” gestalten?

Das Flugblatt vom Tierschutzverein habe ich gerade wieder in meiner Tasche gefunden. Ein mulmiges Gefühl bleibt zurück. Zurück bleiben auch die Fragen… Die schon genannten und noch eine weitere…

Ob ich nächstes Jahr wiederkomme…?

 

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s