Dabei sein ist alles?

Jetzt ist der große Tag also da. Heute Abend beginnen in Rio de Janeiro die Spiele der XXXI. Olympiade. Fast 11.000 Sportlerinnen und Sportler werden dabei sein. Einige von ihnen werden Medaillen gewinnen, die meisten (logischerweise, bei 306 Entscheidungen) nicht. Aber man kann natürlich nicht behaupten, sie würden leer ausgehen, denn schließlich ist doch dabei sein alles. Oder etwa nicht?

Dieser Satz gehört zu den ältesten Irrtümern der Olympischen Geschichte. Denn er ist so nie gefallen. Pierre de Coubertin hat ihn nie verwendet, zu keiner Zeit hat sich irgendeiner seiner Nachfolger oder irgendein Teil der Olympischen Bewegung darauf berufen. Er ist schlicht und einfach eine Erfindung von, tja, wem auch immer. Keinesfalls ist es so etwas wie das “Olympische Motto”. Das ist dieser Satz nie gewesen.

Dennoch wurde und wird er nach wie vor von den (deutschsprachigen) Medien munter verbreitet, in den meisten Fällen sicher aus Unkenntnis. Leider eignet sich “Dabei sein ist alles” halt auch sehr gut, um ihn mit ironischem bis sarkastischem Unterton zu verwenden. Entweder als Häme gegen einzelne Athleten, die als klare Favoriten gestartet waren und dann doch “versagt”, also vielleicht “nur” Silber gewonnen haben. Oder auch gegen den modernen kommerzialisierten Sport, gegen Dopingsünder, gegen das IOC, die ja alle dieses hehre Ideal verraten, indem heutzutage nur noch der Sieg zähle, dabei sein dagegen nichts sei.

Was aber hat Baron de Coubertin wirklich gesagt?

Le plus important aux Jeux olympiques n’est pas de gagner mais de participer, car l’important dans la vie ce n’est point le triomphe mais le combat ; l’essentiel, ce n’est pas d’avoir vaincu mais de s’être bien battu.

Das Wichtigste an den Olympischen Spielen ist nicht der Sieg, sondern die Teilnahme, wie auch das Wichtigste im Leben nicht der Sieg ist, sondern der Kampf ist. Das Wichtigste ist nicht, erobert zu haben, sondern gut gekämpft zu haben.

Das ist natürlich etwas martialisch ausgedrückt, auch Coubertin war ein Kind seiner Zeit. Aber es wird doch deutlich, wie wenig dies mit der simplifizierten Version “Dabei sein ist alles.” zu tun hat. Nein, dabei sein ist nicht alles! Die Teilnahme ist das wichtigste, nicht der Sieg. Aber Teilnahme ist nicht bloße Anwesenheit, bloßes “Dabei sein”, sondern durchaus das Streben nach Höchstleistung, die Anstrengung, der “Kampf”.

Dieser Satz hat Geltung, auch in der heutigen Zeit, auch im modernen kommerzialisierten Sport. Und ja, Dopingsünder begehen Verrat an dieser Idee. Das IOC selbst arbeitet gerade in nie dagewesener Vehemenz an der Demontage der Bewegung. Aber nicht weniger verraten diese Idee Sportfunktionäre, Politiker und Medien, wenn sie von Medaillenerwartungen, “Zielkorridoren” und dergleichen schwafeln, wenn die Sportförderung für die nächste Generation von den Medaillengewinnen der vorigen abhängig gemacht wird, wenn überhaupt die Erfolge “unserer Mannschaft” nur daran gemessen werden, wie oft Gold, Silber und Bronze erreicht wurden, wie oft die Nationalhymne erklungen ist, Schwarz-Rot-Gold am obersten Mast wehte.

Dabei sein ist nicht alles. Aber der Sieg ist es eben auch nicht. Alle Beteiligten sollten das in den kommenden Wochen nicht vergessen…

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